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"Lautlos dreht sich das Flügelrad der Pyramide, vom Hauch brennender Kerzen bewegt. Geheimnisvoll huschen die Schatten an der Decke durcheinander. Figuren und Tiere der heimischen Lebenswelt ziehen im Lichtschein vorüber. Dem Erzgebirger hat es die Pyramide angetan." So kennzeichnet Johannes Eichhorn (geb.1904), der unermüdliche Forscher und Hüter von Volkskunsttraditionen, den einzigartigen Reiz des bekannten erzgebirgischen Weihnachtsleuchters.

Untersuchnungen ergaben, daß die in früheren Jahrhunderten weitverbreiteten, durch drei oder vier Stäbe gebildeten pyramidenförmigen Gestelle, die mit Koniferenzweigen geschmückt und mit Kerzen bestückt, zur Weihnachtszeit aufgestellt, festlichen Glanz in die Weihnachtsstuben brachten, als Vorläufer der Pyramiden mit Flügelrad gelten. Die aufsteigende Wärme der brennenden Kerzen wurde vermutlich sehr früh dafür genutzt, ein auf der Spitze dieses Gestelles gestecktes "Windrädchen" zum drehen zu bringen. Angeregt durch die mechanischen Künste hat dann der erzgebirgische Bergmann, ausgehend von der Fördermaschine -dem Göpelwerk- eine drehbare Mittelachse in das Pyramidengestell eingebaut und mit dem darauf gesteckten "Windrädchen" verbunden. An die drehbare Mittelachse befestigte er eine oder mehrere Scheiben, auf die er selbstgeschnitzte Figuren stellte.

Schon im ausgehenden 18. Jahrhundert hat der Drechsler Dockenfiguren, später auch Reifentiere, für die Bestückung geschaffen, und bald schnitzte man auch Krippenfiguren nach böhmischen Vorbild. Im erzgebirgischen Schnitzergebiet verband sich das Flügelrad auch mit kunstvollen Hängeleuchtern. Das führte zu der interessanten Form des Laufleuchters, bei dem die Aufhängung in einem Kugelgelenk mit geringer Reibung das drehen des ganzen Leuchters mitsamt den brennenden Kerzen bewirkt.

Die Stockwerk- und Stufenpyramide hat sich parallel zur Stabpyramide entwickelt. Ihre Vorläufer sind in fürstlichen Tafelaufsätzen und in Bergwerksmodellen zu sehen, die stockwerkartig aufgebaut waren. Bergwerksmodelle aller art, Darstellungen berg- und hüttenmännischer Vorgänge und der Bergmannsgestalt selbst bilden Motivkreise, an denen sich sowohl künstlerischer als auch kunstgewerblicher Gestaltungswille immer wieder versucht. Im 18. Jahrhundert wird es Mode, Schaubergwerke auch in städtischen Bürgerhäusern aufzustellen. Schließlich veranlaßte aber schon im Ausgang dieses Jahrhunderts der rückläufige Bergbau manchen geschickten Steiger oder Berginvaliden, durch solche Künste und Künstlereien sich mühsam zum Unterhalt zu verdienen.

Stufenpyramiden mit Flügelrad entstanden vermutlich schon während der ersten Jahrzehnte der 19. Jahrhundert häufiger, denn dieses Baumotiv fand sowohl in bergmännischen wie überhaupt in Bastlerkreisen des westlichen und östlichen Erzgebirges einenaußerordentlichen Anklang. Es wurde sogar zum Lieblingsmotiv des Bastlers schlechthin, besonders für den, der mit der Kunst des Drechselns vertraut war. Bastelleidenschaft auf der einen seite und Zwang zu zusätzlichen Broterwerb auf der anderen, brachte dann in der Mitte des 19. und Anfang des 20. jahrhunderts eine Vielzahl von Pyramidenformen in Stab- und Stockwerkbau. Auch die Bestückungen hatten nicht nur bergmännischen Charakter zum Inhalt, sondern religiöse und solche Motive, die sichmit der heimischen Landschaft, mit Wald, mit Tieren und mit dörflichen Szenen befaßten. Die Pyramidengestelle wurden leichter, und es wurde dadurch ein besserer Durchblick möglich, der die Szenerie stärker zur Wirkung brachte. Original erhalten gebliebene Stücke in den Museen von Schneeberg, Annaberg, Schwarzenberg u.a. belegen diese Entwicklung in großen Zügen. Die sogenannte "Lentzsche Pyramide" des Annaberger Heimatmuseums soll bereits 1780 entstanden sein. Sie wird als die älteste erhaltene Stufenpyramide benannt.In der Gegenwart werden Pyramiden in allen möglichen Bauformen, Grundrissen, Größen und Bestückungen im Erzgebirge hergestellt. Ihre Gestaltungsauffassungen sind dabei entweder eng an die historoschen Vorbilder gebunden oder mit künstlerischem Feingefühl dem ästhetischen Empfinden der heutigen Zeit angepaßt. Die Spezifik der Pyramiden ist überwiegend der Drechseltechnik zugewandt, die Gestelle sind meist durch gedrechselte oder getischlerte Teile bzw. in Spielzeugmacherart gebaut. Die Bestückung ist fast ausschließlich gedrechselt. Teilweise sind die Figuren beschnitzt oder mit anderen Materialien dekoriert (Stoff, Papier, Posamente, Metall etc.).

Der gestochene Spanbaum findet vielfach Verwendung, Auch typische Drechselbäumchen werden zur Dekoration eingesetzt. Einige Pyramiden sind mit Reifenvieh bestückt. Vielfach sind Miniaturspielzeuge, Weihnachtskrippen, Bergparaden, Engelfiguren, Jagdszenen, Kurrendesänger u.a. figürliche Motive auf die sich drehenden Scheiben und auf die einzelnen Stockwerke zur Dekoration gestellt.

Die Gesamtgestaltung ist vielfach farbig. Weiß als Grundfarbe spielt eine dominierende Rolle. Später wurden auch Naturholzgestaltungen üblich.

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